GARGOΩO!

Åbout

Totgesagte leben länger.
Dass wir heute die langen Rufe der Holztreiber nachrufen können, verdanken wir den Nachrufen folgender Autoren. 

 
HEBAU! 
TSCHEY! 
GARGO!


Haller Sepp:

Vom Holztreiben und Holzdrahteln vergangener Zeiten im Passeier.

In: Der Schlern, 1987. S. 608–613.

(...) Die im Frühjahr gefällten Fichten- und Lärchenstämme sind bis zum Spätherbst stark ausgetrocknet. Das ist dann die Zeit, wo die Holzer wieder in den Wald gehen, um die Bäume für den Abtransport herzurichten. Vorerst werden die Stämme auf etwa 4,20 Meter abgestuckt. Die wenigen Zentimeter mehr als die vier Meter braucht es für das Aufkopfen auf beiden Seiten. Man versteht darunter das Abrunden der Kanten an den Schnittflächen mittels Beil. Dies ist notwendig, damit die Stämme später in der Gleitbahn (dem Schuss) nicht ständig anecken. Entlang des Schusses stehen auf Rufweite die sogenannten Posten mit Zappin ausgerüstet. Sie haben die Aufgabe, die in der Bahn liegengebliebenen Stämme weiterzuschicken und den Transport in Fluß zu halten.

Es ergibt sich deshalb oft die Notwendigkeit, den Holztransport für kurze Zeit einzustellen. Es geschieht dies durch den Zuruf von Posten zu Posten. In Passeier gibt es dafür eigene kurze Wörter.
Das Rufsignal Hebau bedeutet Stopp, kein Holz nachschicken. Der Angesprochene bestätigt es mit dem Ruf Tschey. Ist die Bahn wieder frei, dann schreit der untere zum oberen Posten hinauf Gargo.

Wo Sichtverbindung zwischen den Holztreibern besteht, werden genannte akustische Signale oft mit optischen ergänzt. Dabei hebt der Hebau-Rufer den Zappin hoch über seinen Kopf empor; bei Gargo hingegen schwingt er das Arbeitsgerät im Kreise (aufrecht), was bedeutet, die Sache kann wieder rollen. Bemerkenswert ist, dass keiner der von mir befragten erfahrenen Holzer über die Herkunft bzw. Ableitung dieser drei simplen Wörter nähere Angaben machen konnte. An und für sich handelt es sich um nicht sinntragende Wörter, die sich allerdings durch Jahrhunderte zu diesem Zweck im Tale behauptet haben; vermutlich aufgrund dessen, weil sich ihr Auslaut sehr langgezogen rufen lässt.


HAAARDEEE!
GGAARGAAA!
KOAARGAATAAA!
HOLZGETOOOL!
SCHIGUUURAAA!
SIGÜÜÜ!
FLIEGOOO!
PAUFAAA!
MAUFAAA!
DURAAA!
HOOOP! 


FINK HANS:

Holztreibrufe.

In: Der Schlern, 1972. S. 308f.


(...) Da die verschiedenen Stationen der Holztreiber gegenseitig nicht einzusehen waren, konnte man sich nur durch Schreie oder laute, langgedehnte Rufe verständigen. Da diese Rufe nicht überall dieselben waren und verschiedenen Sprachwurzeln entstammen, seien sie hier schriftlich festgehalten.

 

In Villnöß, wo es steile Wälder gibt und die abgestoßenen Baumstämme (Museln) wie der Blitz daherschießen können, waren folgende Rufe üblich:
haaardeee!, öfter aber ggaaargaaa! riefen die unten Stehenden nach oben und wollten damit sagen: „Holz einwerfen! Loslassen!“
Ähnlich, nämlich mit koaaargoaa! oder koaargaataaa! verständigte man sich am Deutschnonsberg. Die Anwort von oben lautete schiguuuraaa!, d.h. „Verstanden, es geht los, bringt euch in Sicherheit!“
Es ist anzunehmen, dass man die Ausrufe aus dem Italienischen übernommen habe, waren ja schon im 19. Jahrhundert oberitalienische Sagschneider und Holztrifter in unseren Tälern keine Seltenheit, nicht zuletzt aus dem Fleimstal. Aus dem Ladinischen stammen die Ausdrücke kaum, sagt doch z.B. der Kampiller als nächster Nachbar der Villnösser ciária!, d.h. „Leg’ auf!“, und sigü! für: sicher, gesichert. Soweit ich informiert bin, gebraucht der Grödner den Ruf ciarióngs! für: laden wir auf usw. Ein ggarga, koarga, schigura kennt der Dolomitenladiner jedenfalls nicht beim Holztrieb. Der Kampiller schreit gegebenenfalls „halt!“, wenn mit dem Einwerfen aufzuhören ist, soll es aber losgehen, so verwendet er irgendeine Trompete und bläst. Den Ruf haaardeee! der Villnösser erachte ich für ein verwässertes ggaaargaaa!

Galt es z.B. in Villnöß, das Holzeinwerfen einzustellen, so rief man paufaaa! oder auch maufaaa! Man hat versucht, diese Worte mit „Pause“ in Verbindung zu bringen, was wohl auf lautgesetzliche Schwierigkeiten stößt. Ich fühle mich versucht, in beiden Worten ein arg gekürztes (heb’)m-auf! zu erkennen, eine These, die im Meransener Ruf waaauf! gute Untermauerung erfährt, also hebauf!
Zu erwähnen bliebe noch der Villnösser Ausruf duuuraaa!, d.h. Ruf verstanden! Am liebsten möchte ich dieses dura als ein verballhorntes schirgura ansehen, um so mehr sowohl dura als schigura dieselbe Bedeutung haben. In Jenesien und an anderen Tschögglberger Orten lauteten die vom Tal zu Berg gerufenen Schreie holz getoool! (Holz zu Tal), worauf von oben die Antwort kam: fliegg-ooo! (stellt aus). Galt es die Einwürfe zu stoppen, so hieß es hooop!. Der Infinitiv dazu lautet oo-hoppm, d.h. einstellen. Es bliebe noch Schalders und Lüsen zu erwähnen, zwei Täler mit viel Wald. In beiden Fällen rief man hooolz hear! für „loslassen“, und aaauhaaalt! für „einstellen“. (...)

HËIBAU!
TSCHËI!
GARGOO!

Haller Harald, Lanthaler Franz:

Passeirer Wörterbuch.
verlag.Passeier, 2004. S. 72, 95, 230.

Hëib|au! Stopp! (Warnruf beim Holztreiben)
Tschëi! Bestätigungsruf (ich habe verstanden) beim Holztreiben
Gargoo! „Bahn frei!“ (Ruf beim Holztreiben)

HEIB AU! 
GARIGOO! 
MULOO!

Rinner Arnold:

Holzziehen ohne Schnee. 

In: Passeirer Blatt. Ausgabe 01/2007. S. 6f.


(...) Das Holztreiben war eine gefährliche Arbeit. Es war deshalb äußerste Vorsicht geboten. Gut aufpassen mussten vor allem jene Arbeiter, die Posten standen und längs des Schusses für die Weiterbeförderung des stecken gebliebenen Holzes zu sorgen hatten. Großer Gefahr ausgesetzt waren aber auch jene, die am unteren Ende des Schusses die Stämme in Empfang nahmen und aufstapelten.
„Da die verschiedenen Positionen der Holztreiber gegenseitig nicht einzusehen waren, verständigte man sich mit langgezogenen Rufen. Heib au, was soviel bedeutete wie Halt machen, rief man, wenn sich Holzstämme ineinander verkeilten und eine Verstopfung entstand. Gar(i)goo, bedeutete soviel wie es darf wieder Holz nachkommen; Muloo schrie man, wenn ein besonders großes Ploch losgelassen wurde“, erinnerte (2001) sich der damalige Holztreiber Siegfried Wilhelm (* 1922 – † 2005). „Zum Schluss der Arbeit stapelte man die riesige Holzmenge am Zielort beim Ulfaser Gatter in Platt zu einer großen Plumme auf. Als krönenden Abschluss dieser gefährlichen Arbeit bestimmte man einen stattlichen Baumstamm zum Weinploch“, bemerkt lächelnd Josef Schweigl. „Dem Wert dieses Ploches entsprechend wurde dann beim Platterwirt, der das gesamte Holz ankaufte, ordentlich giteeglt (Rotwein konsumiert).”